Praxis für Psychotherapie

Johannes Resch

Ich freue mich, dass ich Ihnen meine Praxis für Psychotherapie vorstellen darf!

Lebendig sein heißt, alles Unangenehme, insbesondere Schmerz und Tod, so sehr es geht, abzuwenden. Und diese Welt wird schon durch das kleinste Geschenk unendlich viel und augenblicklich spürbar besser.

Doch was ist, wenn ich einsam bin? Wenn ich jemanden verliere? Wenn etwas kaputt geht? Wenn mich jemand anklagt? Wenn ich Angst habe? Wenn es weh tut - trotz aller Bemühungen, es abzuwenden?

Was wäre zu tun, wenn die eigentliche Lösung nicht darin läge, den Schwierigkeiten der Existenz zu entfliehen? Sondern darin, sie auszuhalten und zu verwandeln, statt sie abzuwenden? Uns darauf einzulassen, dass die Wirklichkeit eine Flucht nicht zulässt und gerade darin unser schöpferisches Potential liegt?



Die Natur ist innen. 
Paul Cezanne 

Man muss den Dingen die eigene, stille ungestörte Entwicklung lassen, die tief von innen kommt und durch nichts gedrängt oder beschleunigt werden kann. Reifen wie der Baum, der seine Säfte nicht drängt und getrost in den Stürmen des Frühlings steht, ohne Angst, dass dahinter kein Sommer kommen könnte. Er kommt doch! 
Rainer Maria Rilke (aus dem Gedicht "Was mich bewegt")

Zu mir kommen Menschen, die

  • in Lebenskrisen stecken
  • Angstzuständen und Zwängen ausgesetzt sind
  • unter Burnout oder Depression leiden
  • unter den Folgen von Traumatisierung leiden
  • unter chronischen Schmerzen leiden
  • mit der medizinischen Diagnose einer schweren Krankheit konfrontiert sind
  • Rat und Unterstützung bei Partnerschaftskonflikten suchen

oder Menschen, die in ihrem Leben etwas verändern oder entwickeln möchten: Ihre Partnerschaft, Ihr Leben mit Kindern, Ihre Gesundheit, Ausbildung und Beruf, Freundeskreis und soziales Netzwerk ...

Wenn Sie sich dafür entscheiden, eine Psychotherapie zu beginnen, ist es nachvollziehbar, dass Sie Befürchtungen haben. Vielleicht haben Sie gemischte Gefühle dabei, denn es ist gar nicht ungewöhnlich, dass eine Seite in uns sich mitteilen möchte, weil sie sich Hilfe wünscht, während eine andere Seite in uns diese Information lieber für sich behalten will. 

Die Einzeltherapie beginnt mit der Vereinbarung des Erstgespräches. Das Erstgespräch dient in erster Linie dem Kennenlernen und um ein Gefühl füreinander zu bekommen.

Als Therapeut möchte ich herausfinden, wie ich allen Aspekten von Ihnen und Ihrer Geschichte zuhören, sie respektieren und verstehen kann. Wenn dabei Beunruhigungen auftreten, wird es den Raum geben, sich über diese auszutauschen. Es wird dann villeicht möglich, die persönlichen Ursachen dafür zu finden, und wir können damit beginnen, widersprüchliche oder schmerzvolle Aspekte Ihres Lebens anders zu gestalten. 

Als integrativer Therapeut folge ich in meiner Arbeit der Grundannahme, dass das körperlich-Seelische und das geisti- Emotionale Eigenschaften des gleichen Menschen sind. Die therapeutischen Handlungen können daher von jeder dieser Ebenen ausgehen.



Eine Einzelsitzung dauert 50 Minuten und kostet EUR 90,00.
Die Preise werden einmal jährlich an den Verbraucherpreisindex angepasst.

Sie erhalten eine Rechnung, die Sie bei Ihrer Krankenkasse einreichen können. Die Kasse erstattet pro Therapiesitzung einen Teil der Kosten zurück, wobei der Betrag je nach Krankenkasse unterschiedlich ist:

GKK: 28,00 / SVA: 21,80 / BVA: 40,00 / SVB: 50,00.



Was kommt auf dieser Erde der Glückseligkeit am nächsten? Es ist wahrscheinlich die Liebe. Wir wollen immer lieben und geliebt werden. Die Zuneigung, welche zwei Liebende zueinander empfinden, ist unwillkürlich. Sie verdankt sich einer geheimen, allmächtigen Anziehung, denn in der Liebe überschneiden sich unterschiedliche Ursachen und Wirkungen: Bestimmung und Wahl, äußere und innere Kräfte, Schicksal und Freiheit. Das Gebiet der Liebe ist ein durch die Begegnung zweier Menschen magnetisierter Raum.

In meiner Arbeit mit Paaren habe ich die Erfahrung gemacht, dass jedes Liebespaar eine Ausnahmen von jeder Regel ist. Dennoch möchte ich eine Orientierung anbieten. Der Dichter Octavio Paz hat die Idee der Liebe sorgfältig untersucht, um ihre Natur zu erkennen und die wesentlichen Bedingungen unseres Bildes der Liebe zu ordnen. Er kam dabei auf folgende fünf Elemente:

Das erste Charakteristikum der Liebe ist ihre Ausschließlichkeit. Sie ist die Grenzlinie zwischen Liebe und dem größeren Bereich der Erotik. Wir lieben eine einzige Person, und wir verlangen von dieser, uns mit demselben ausschließlichen Wollen zu lieben. Ausschließlichkeit verlangt Gegenseitigkeit, das Einverständnis des anderen, seinen freien Willen.

Das zweite Element der Liebe ist das Hindernis und die Überschreitung. Alle Paare sehen sich diesem oder jenem Hindernis oder Verbot gegenüber, das ihrer Liebe im Weg steht, und sie alle übertreten es.

Im dritten Element geht es um Anerkennung und Verzicht auf Überlegenheit. Das ständige Verlangen aller Liebenden war und ist das Trachten nach Anerkennung durch die geliebte Person. Es fordert ein Eingeständnis von Abhängigkeit. Die Grundbedingung dafür ist ein Verzicht auf Überlegenheit, zum Beispiel aufgrund des gesellschaftlichen Standes, der Bildung oder anderer überlegener Möglichkeiten.

Das vierte Element ist der Widerspruch von Schicksal und Freiheit. Die Liebe ist unwillkürliches Hingezogensein zu einer Person und freie Entscheidung, sie ist die freiwillige Akzeptierung eines Schicksals.

Das fünfte Hauptmerkmal besteht in der unauflöslichen Einheit der Gegensätze von Körper und Seele. Der Liebende liebt den Körper und die Seele gleichermaßen. Ohne körperliche Anziehung gibt es keine Liebe. Auch wenn unsere Tradition seit Platon die Seele gepriesen und den Körper geringgeschätzt hat, die Liebe hat von Anfang an auch den Körper geehrt.

In der Paartherapie besteht die Möglichkeit, jeden dieser Punkte zu reflektieren und sich anregen zu lassen. Dadurch soll das Vertrauen gefestigt werden, um jene Widersprüche aushalten und wandeln zu können, die in Liebesbeziehungen notwendig auftauchen, wenn das Paar die Liebe in vollen Zügen genießen möchte.

In Liebesbeziehungen tauchen auch Bedürfnisse aus früheren Zeiten auf, nach Verstandenwerden, Gehaltensein und Akzeptanz. Wenn jeder die Erfahrungen des anderen aufnehmen kann, bestehen große Chancen auf eine glückliche Liebe. Dafür braucht es Halt, Lebendigkeit und eine spezielle Form. Günstig ist ein Dritter, der als Gesprächsleiter den Rahmen vorgibt.



Die Kosten für die Arbeit zu Dritt betragen EUR 100,00 für 60 Minuten. 
Die Preise werden einmal jährlich an den Verbraucherpreisindex angepasst. 

Eine gute Dauer für eine Arbeitssitzung in einer Paartherapie sind erfahrungsgemäß 90 Minuten.

Die Mutter wird durch den schöpferischen Austausch während der Schwangerschaft und Geburt, durch den ein neuer Mensch in die Welt kommt, selbst unwiderruflich verändert. Dem Raum zu geben ist das erste wichtige Thema in der Eltern-Kind-Therapie.

Der zweite Schwerpunkt in der Eltern-Kind-Therapie liegt darin, auch dem Kind die Bedeutungshoheit für die eigenen Erlebnisse zuzugestehen und die Eltern dazu zu ermächtigen, das Kind dabei zu begleiten.

Die therapeutische Grundidee für diese Arbeit habe ich bei Thomas Harms gelernt. Sie besteht darin, dass ich den Eltern zuhöre, die dadurch ihrem Kind besser zuhören können.

Spätestens wenn das Kind im Uterus sein Eigenleben beginnt, ist ganz klar, dass die Mutter einen anderen Menschen in sich trägt. Der lebendige Normalzustand ist von Anfang an eine enge Bindung. Auch das Baby im Mutterleib erlebt die Mutter nicht als Teil von sich, sondern als ein Gegenüber.

Die Mutter gibt dem Embryo Identität, indem sie ihn mit ihrem eigenen Körper pflegt. Beide wollen so weit wie möglich verschmelzen, und doch vereinzelt bleiben. So wird unsere Lebensphase im Mutterleib zum Ursprung einer Verbindung-in-der-Trennung, und damit Maßstab dessen, was das Kind später, außerhalb des Mutterleibs, immer wieder herzustellen versucht.

Im Fruchtwasser zu schwimmen, wenn auch adäquat versorgt, setzt dem lebendigen Drang, sich selbst zu erhalten, enge Grenzen. Die Befreiung per Geburt erlöst diesen Drang. Das Neugeborene tauscht den Schutz des Mutterleibes gegen die Welt, die es als Raum für neue Erfahrungen gewinnt. Nun muss sich erweisen, ob der Drang, sich selbst zu erhalten, eine Welt vorfindet, die trägt. Aus der Sicht des Kindes besteht eine Welt, die es weiterträgt, vor allem aus anderen Menschen, die den bewussten Wunsch haben, das Kind lebendig zu machen.

Dazu kommt, dass auch die Mutter durch den schöpferischen Austausch während der Schwangerschaft und Geburt, durch den ein neuer Mensch in die Welt kommt, selbst unwiderruflich verändert wird. Das findet im Trubel der Ereignisse oft nicht genug Bedeutung. Die Mutter sucht dafür einen lebendigen Ausdruck, der wahrgenommen und anerkannt werden möchte. Dem Raum zu geben ist ein wichtiges Thema in der Eltern-Kind-Therapie.

Nach der Geburt besteht die Rolle der Mutter darin, das ihr vom Kind im Mutterleib entgegengebrachte Vertrauen auf die Welt zu übertragen. Sie muss das Kind schrittweise davon überzeugen, dass nicht sie allein die Welt ist. Und sie muss dem Kind die Chance geben, zu erfahren, dass es selbst schöpferische Macht darüber hat, was die Dinge mit ihm anstellen. Das Kind muss die Mutter gleichsam von sich "fortlieben".

Das Vertrauen, das ein Baby während der Zeit im Mutterleib, und danach ausbilden kann, wird zum Maß seines Vertrauens in die Welt. Die Stärke dieses ersten Vertrauens bestimmt sein Leben auch dann noch, wenn es längst erwachsen ist. Dieses Vertrauen dem Kind zu geben, ist ein wunderbares Geschenk. Und es ist auch nie zu früh, und auch nie zu spät, dieses Vertrauen zu vervollständigen.

Nie zu früh deswegen, weil auch Babys ihren "seelischen Raum" bereits intensiv erleben. Es gibt nichts Lebendes, das keine Innenseite hat. Schon in den Monaten vor der Geburt werden die Gefühle der Mutter in den Embryo hineingeschwemmt. In den Worten des Biologen Andreas Weber wird der Embryo von fremden Zuständen manchmal so überflutet, wie einen Wanderer an der Küste die Gewalt eines Sturmes trifft. Dann das Geburtserlebnis, und auch die aufregende Zeit danach. All das sucht lebendigen Ausdruck, der wahrgenommen und anerkannt werden möchte. Hier liegt ein weiterer Schwerpunkt der Eltern-Kind-Therapie: dem Baby die Bedeutungshoheit für die eigenen Erlebnisse zuzugestehen und die Eltern dazu zu ermächtigen, das Baby dabei zu begleiten. Dabei geht es oft darum, das Maß zu finden zwischen dem Bedürfnis der Eltern, dem Kind beizustehen, und dem Verlangen des Kindes nach Ausdruck, das sich an seinem vitalen Drang nach Lebendigkeit orientiert.

Nie zu spät deswegen, weil alles Wesentliche lebendig bleibt und nach Fortsetzung sucht, bis sich Gestalten schließen können. Das erlebe ich in meiner Arbeit mit Erwachsenen, und manchmal auch mit Senioren, wenn ganz frühe Emotionen wieder an die Oberfläche kommen, um nach Antwort, Anerkennung und Frieden zu suchen.



Die Kosten für für die Arbeit in der Eltern-Kind-Therapie betragen EUR 100,00 für 60 Minuten. 
Die Preise werden einmal jährlich an den Verbraucherpreisindex angepasst.

Eine Kostenübernahme oder teilweise Rückerstattung der Kosten durch die Krankenkasse kann im Einzelfall geprüft werden.

Meine Ausbildung zum Psychotherapeuten habe ich in Vorarlberg, Krems und München gemacht. 

Ich bin in der Psychotherapeutenliste des Ministerium für Gesundheit eingetragen und ich bin Mitglied im Vorarlberger Landesverband für Psychotherapie.

Mich faszinieren die vielfältigen Ziele, die in uns Menschen stecken und nach Verwirklichung streben, ausgestattet mit Motivationen und dem Potential für Sinn und Glück - und mich berührt der Schmerz, der nach Hilfe ruft, wenn unser Lebensfluss bedroht ist.

Wenn Sie möchten, begleite ich Sie ein Stück auf Ihrem Weg.

Geboren bin ich 1957 in Oberösterreich, wo ich auch aufgewachsen bin. Ich habe in Graz studiert und danach einige Jahre in Wien gelebt und gearbeitet. Seit 1991 lebe ich in Vorarlberg. Ich habe zwei erwachsene Kinder.

Bevor ich Psychotherapeut geworden bin, habe ich Berufe in verschiedenen Branchen ausgeübt, zuerst als Angestellter, dann als selbständiger Unternehmer. Das Interesse am Menschsein und die damit verbundenen Geheimnisse haben mich dazu motiviert, Psychotherapeut zu werden.

Ich finde es wichtig anzuerkennen, dass im Zentrum des Lebens noch immer die großen Fragen der Mystiker stehen, die Geheimnisse sind und vermutlich auch bleiben werden, wie zum Beispiel:

  • Warum gibt es Materie?
  • Warum gibt es Geist?
  • Warum gibt es Leben und Tod?
  • Gibt es einen Anfang und ein Ende?

Auch wenn wir Menschen darauf keine Antworten haben, tragen wir diese Fragen doch in uns. Sie sind Ausdruck einer schöpferischen Kraft, die dafür sorgt, dass es etwas gibt und nicht nichts. Ich sehe die Wirklichkeit, so wie Albert Camus es ausdrückt, nicht als das Unvollkommene, das wir Menschen durch Utopien und Techniken ändern müssen. Viel mehr ist es das Unvollkommene, das uns zu Mitwirkenden einer glücklichen Schöpfung macht, indem wir unseren Lebensraum lebendig machen, wirklich machen. Ich finde es gut, wenn wir uns unserer Schöpfungskraft bewusst sind, und die damit verbundene persönliche Verantwortung anerkennen. Es verbessert unsere Beziehungen und fördert den Zusammenhalt in unserer Gemeinschaft.


Johannes Resch, MSc
Praxis für Psychotherapie
Integrative Therapie
Am Kehlerpark 5
A-6850 Dornbirn
+43 699 15 95 21 53
psychotherapie.resch@gmx.at
psychotherapie-resch.at

Ich freue mich, wenn Sie mich anrufen oder mir ein E-Mail schreiben.

Anruf:  +43 699 15 95 21 53
Ein Telefongespräch ist sehr gut geeignet, um erste Fragen zu klären und ein Erstgespräch zu vereinbaren.

Email:  psychotherapie.resch@gmx.at
Sollten Sie innerhalb von zwei Tagen von mir keine Rückantwort erhalten, bitte ich Sie, mich anzurufen.

Herzlichen Dank!

Die Integrative Therapie ist ein gesetzlich anerkanntes Psychotherapieverfahren mit humanistisch-existentieller Orientierung, welches in Österreich an der Donau-Universität Krems gelehrt wird. 

Gegründet wurde die Integrative Therapie von Hilarion G. Petzold, Hildegund Heinl und Ilse Orth. Sie beschreibt sich als eine „Wissenschaft systematischer Praxis“, die sich an den klinischen Grundlagentheorien über menschliche Gesundheit, Motivation, Entwicklung und Persönlichkeit orientiert. Das Zurückkehren in ein Empfinden der Verbundenheit mit sich selbst, der Welt und den anderen Menschen ist das Wirksamste, was laut Forschung als Beitrag für psychische Gesundheit gelingen kann.



In der Psychotherapie, so wie sie zu meinem Herzensanliegen geworden ist, geht es um Lebendigkeit. Hier unterscheidet sich die Psychotherapie von der Medizin, in der es um Gesundheit geht. Der Biologe Andreas Weber hat der Lebendigkeit ein gleichnamiges Buch gewidmet. Die folgenden Texte sind das Ergebnis meiner Begegnung mit seinen Gedanken.

 

Lebendig sein heißt, den Schmerz und den Tod, so sehr es geht, abzuwenden. Und diese Welt wird schon durch das kleinste Geschenk unendlich viel und augenblicklich spürbar besser. Das ist auch die zentrale Idee unserer Kultur und unserer Medizin. Die Verlockung ist groß, an diesem Punkt zufrieden zu sein. Doch was ist wenn ich einsam bin? Wenn ich jemanden verliere? Wenn etwas kaputt geht? Wenn mich jemand anklagt? Wenn ich Angst habe? Wenn es weh tut - trotz aller Bemühungen, es abzuwenden? Muss ich dann immer noch mehr "dagegen" tun?

Albert Einstein hat gesagt, alles soll so einfach wie möglich gemacht werden, aber nicht einfacher. Immer dagegen zu tun um abzuwenden, wenn es weh tut, wäre das zu einfach gemacht? Wenn wir ehrlich sind, wissen wir, dass sich die Widersprüchlichkeit des Lebens nicht schließen wird, auch wenn wir beständig gegen die Brüche und Risse vorgehen. Die Tragik der Existenz lässt eine Flucht nicht zu und auch die Lektion, sterben zu lernen, bleibt uns nicht erspart.

Sterben lernen heißt nicht töten lernen. Ebensowenig heißt es lernen, getötet zu werden. Es geht auch nicht darum, das Dunkel zu begrüßen und gar als Mittel einzusetzen. Es heißt auch nicht, in missbräuchlichen Beziehungen zu verharren. Auch der Tod, der dem Dahinsiechen im Gefängnis der falschen Angst folgt, wäre der falsche Tod.

Dieser wie die Geburt zum Leben gehörige Tod begegnet uns freilich nicht erst als physisches Ende (auch wenn das eines Tages an die Tür klopft). Er umfasst jedes kleine Sterben des Abschieds, der Unsicherheit, der Nacktheit, der Hilf- und Schutzlosigkeit. Zu ihm gehört jeder Moment, in dem ich nicht Herr der Lage bin, in dem ich verzichte, um einen anderen zu beschenken, in dem ich den anderen zu Wort kommen lasse - in den Worten der Philosophin Hildegard Kurt ausgedrückt: Das Horchen [auf den anderen] beginnt, wo ich sterbe.

Lebendig sein heißt zum Beispiel auch, sich der Wirklichkeit einer körperlichen Existenz zu überlassen, die mit nichts je im Reinen ist, und zugleich aus dieser Ungewissheit und Poesie ihre Schönheit gebiert. Dafür aber braucht man Mut, sich nicht länger hinter einer Simulation von Makellosigkeit zu verstecken.

Wir kennen den Lebenswunsch von innen als fühlendes, verlangendes, verletzliches, triumphierendes Wesen. Es ist schlicht der vibrierende Charakter des Lebendigen, der sich als Individuum realisiert, und dem jede Begegnung in der Welt etwas bedeutet. In unserem Kern sind wir nicht vernünftig, sondern da ist diese Sehnsucht, ein Selbst in einem Körper zu bewahren und dieses Leben immer weiter zu entfalten. Unsere Identität resultiert aus dieser Sehnsucht nach Existenz, mit der sich unser Leben jeden Moment neu gebiert und alle möglichen Versuche unternimmt, sich schöpferisch zu entfalten. Dass wir diese Existenz nur durch den Stoff, der am liebsten die nächsten Milliarden Jahre als lebloser Staub am Boden liegen würde, verwirklichen können, ist der tiefste Widerspruch der Lebendigkeit. Sie beschreibt zugleich den strukturellen Bruch, der eines Tages zwangsläufig zur Katastrophe führen wird, zum Tod, der jedem von uns auf je eigene Weise bevorsteht.

Um die Kaskade der Stoffe und Existenzen überhaupt in Betrieb zu setzen, ist zunächst einmal eine Gabe ohne jede Gegengabe nötig: Das vom Himmel geschenkte Sonnenlicht. Wie der Philosoph Hans Jonas herausgefunden hat, beruht der Lebenskreislauf auf der Erde allein darauf, dass wir alle den großen Leib der Materie teilen und wechselseitig durch uns hindurchgleiten lassen. Jeder lebende Körper trennt sich sets von einem Stück seiner selbst, um fortzubestehen. Wie tief dieses Prinzip des Schenkens die Welt der Organismen prägt, sollte uns viel mehr bewusst werden. Alles Wesentliche, die Lebendigkeit - wie die Poesie, die Liebe, das hingerissene und qualvolle Engagement für ein gemeinsames Anliegen, eine zündende Idee oder ein humorvoller Einfall ist immer schon geschenkt - aber nur, indem es geteilt wird. Es vermehrt sich, wenn man es teilt.

Leben ist auf nahzu jeder Ebene eine kollektive Angelegenheit, eine gemeinsame Unternehmung verschiedenster Wesen, die, nur indem sie einander irgendwie ertragen und sich einigen, zu einem stabilen, funktionsfähigen Lebenssystem kommen. Es bringt in seinem Gelingen nicht nur das Glück der Bruderschaft hervor, das Gedeihen in gegenseitigem Nutzen, sondern auch den Schrecken der Vernichtung, das lustvolle Verschlingen des anderen, welches das eigene Gedeihen verbürgt und selbst zur Mahlzeit zu werden (wie es uns allen bevorsteht) hat das ganze nötig, um sich in Satbilität zu erhalten und zu erfahren.

Leben erweist sich immer wieder als Paradoxon. So ist zum Beispiel Berührung durch den anderen zum einen eine Erfahrung der Verwandlung, und zugleich auch eine Erfahrung der Verwundung. Die Berührung-als-Verformung, der Zusammenstoß, der "Unfall" der unwiderruflich verändert, wie Derrida es ausdrückt, bringt uns in Verbindung mit der Wirklichkeit, und damit zur Entfaltung des Selbst. Zugleich wird darum Unsicherheit zu unserem entscheidenden Beziehungsorgan.

Wir haben alle unsere Möglichkeiten und Beschränkungen, mit paradoxen Lebenserfahrungen umzugehen. Sie zeigen uns unsere Grenzen auf, die jedoch nicht festgeschrieben sind, und die wir durch unser Handeln immer wieder ein Stück erweitern können. Hier einige Beispile, wie Dichter diese Lebensaufgabe beschreiben:

Johann Wolfgang von Goethe hat gemeint: "Man suche nur nichts hinter den Phänomenen. Sie selbst sind die Lehre." - weil sie verwandelnde Kraft haben, indem man sich ihnen überlässt. Seine Empfehlung lautet also, zu den Phänomenen in Beziehung zu treten und sich in dieser Beziehung verwandeln zu lassen. Goethe nannte eine solche Haltung "zarte Emperie". 

Octavio Paz hat es so gefasst: "Wir sind die Bühne einer Umarmung der Widersprüche und ihrer Auflösung. In uns umarmen sich Gegensätze und werden zu einem einzigen Zeichen, nicht der Bejahung noch der Verneinung, sondern der Hinnahme". 

Oder Katherine Mansfield: "Alles was wir wirklich in unser Leben aufnehmen, wandelt sich".

Rainer Maria Rilke empfielt: "Lass dir alles geschehen: Schönheit und Schrecken." - nicht im Sinne eines missmutigen Aushaltens, sondern als ein sich-treiben-Lassen, alle Sinne weit geöffnet. Als Offenheit für das Schöpferische, das immer das andere ist. Um die Wirklichkeit restlos wahrzunehmen, muss ich ganz verletzlich werden und lernen, wirklich ohne Verteidigung und in absoluter Unsicherheit zu sein.

Das wäre es also. Die Tragödie annehmen. Nicht davonlaufen. Nichts entschärfen. Darin besteht der Irrtum der Moderne: dass sich das Drama verhinden ließe. Doch der Versuch, es zu verhindern, macht es nur schlimmer. Seinen Schmerz auszublenden erhöht den Schmerz. Die Gefühle abzuschalten verstärkt sie an anderer Stelle. Eigenes Leiden zu ignorieren bewirkt, dass andere leiden.

Wollen wir lieben, so müssen wir lernen, diesen Lebensimpuls, der jedes Herz rascher schlagen lässt, weiterzutragen. Wir müssen einen Teil der eigenen rauschhaften Individuation an die Welt zurückschenken, müssen also selbst bereit sein, ein Stück weit zu sterben, damit etwas anderes sei, zum Beispiel die uns ernährende Landschaft, oder jemand anders, etwa unser eigenes Kind oder unser Partner.

Leben bedeutet, aus Widersprüchen eine Geschichte erfinden, die Sinn ergibt. Wenn das gelingt, ist es an dem Funken, durch den es mit Lebendigkeit ansteckt, zu erkennen. Abraham Maslow hat gemeint, dass jene Menschen am anziehendsten wirken, die ihre eigenen Interessen der Erhöhung der Lebendigkeit unterordnen.

Für Albert Camus ist die Wirklichkeit nicht das Unvollkommene, das wir Menschen mittels Utopie und Technik ändern müssen. Vielmehr ist die Wirklichkeit das Unvollkommene, das uns durch diese Unvollkommenheit zum Mitwirkenden der Schöpfung macht. Camus schreibt: "Es gibt möglicherweise eine lebendige Transzendenz, von der alle Schönheit kündet, die uns dazu bringt, diese begrenzte und sterbliche Welt jeder anderen vorzuziehn".

Oder wie Andreas Weber es ausdrückt: "Die Antwort auf das Nichtmehrsein besteht im lächelnden Triumph der Freude. Die Antwort liegt in deinen Augen, in ihrem Leuchten, mit dem du meine Gegenwart begrüßt, weil sie dir ein Stück Lebendigkeit schenkt".



Unbeeindruckt von der Wirklichkeit versucht unsere Kultur seit Jahrtausenden die Erfahrung der Trennung durch richtiges Handeln zu überwinden, durch Technik, Selbstoptimierung, durch Unterjochung anderer. So hält auch die westliche Konzeption der Liebe seit Platon verzweifelt daran fest, durch die richtige Partnerwahl könne eine Heilheit erzeugt werden, die jedoch so in keiner Schöpfung existieren kann. Die Trennung ist das zentrale Merkmal der schöpferischen Wirklichkeit. Sie kann nicht überwunden werden, nur verwandelt, will man diese Wirklichkeit nicht zertstören.

Der Paartherapeut David Schnarch meint, unser Problem sei nicht das Zweier-Dilemma, sondern unser Unwillen und unsere Weigerung, die Spielregeln des Lebens zu akzeptieren. Leben selbst ist das unüberwindliche Problem. Indem wir in der romantischen Lösung eine Beziehung suchen, die uns die Sicherheit gibt, die wir brauchen, den Trost zu finden für unsere Ängste, unsere Einsamkeit, unsere Hilflosigkeit, wird uns der Versuch, diese Beziehung aufrecht zu erhalten, nur noch mehr versklaven. Sie verstärkt die Lüge über die Wirklichkeit, die wir uns zusammengebastelt haben. Main Haus, mein Auto, mein Mann, meine Kinder, meine Karriere, mein Labrador - aber was, wenn die eigentliche Erlösung nicht darin läge, den Schwierigkeiten der Existenz zu entfliehen? Sondern darin, sie auszuhalten und zu vewandeln, statt sie abzuwenden? Uns darauf einzulassen, dass Wirklichkeit eine Flucht nicht zulässt und gerade darin unser schöpferisches Potenzial liegt?

Die Liebe ist an das Lebendige gekoppelt, an die Erfahrung einen lebendigen Körper zu bewohnen, der im Glück zu vibrieren vermag und sich im Schmerz zusammenkrampft. Das Erotische zeigt sich als jene Kraft, die Wesen dazu bringt, einen erfüllenden Ausgleich zwischen dem Individuum und dem Ganzen unermüdlich zu suchen, daran zu scheitern, ihn zu verfehlen, ihn vorübergehend zu erreichen. Das Erlebnis, einen Ausgleich zwischen den eigenen Interessen und denen des anderen herzustellen, bildet somit das Zentrum der Liebe. Unsere Beziehungen sind, wenn sie gelingen, stets diese Verbindung-in-der-Trennung. Sich selbst seine ganze Lebendigkeit zu gestatten - und den anderen in der ihm eigenen Lebendigkeit zuzulassen. Nur beides zusammen gewährt die Verwandlung, die beide lebendiger macht. Und Freude ist das Kennzeichen der Liebe, wann immer es gelingt.

Liebe ist ein klares Gefühl dafür, dass ich etwas habe - nämlich die Lebendigkeit, die es zu verteidigen gilt. Sie ermächtigt zum Kampf für das Recht, in der Praxis des eigenen Liebens lebendig zu werden und andere lebendig zu machen. Zugleich aber verschließt sie sich nicht dem Wissen, dass nichts die grundsätzlich tragische Koordination der Wirklichkeit zu ändern vermag. Der andere ist nicht Rettung aus der Misere der unvollkommenen, immer schmerzhaften Existenz, sondern das Gegenteil. Lebendigkeit zulassen heißt damit auch, nicht mehr vor der Angst davonzulaufen. Und gerade das, die Angst zuzulassen, liegt im Zentrum einer erotischen Beziehung.

Aber lieben und zu wissen, dass Liebe keine Rettung ist, sondern ein Beitrag zur Lebendigkeit, wenn sie Liebe sein soll - das ist eine bittere Lektion, ein Kreuzweg. Ohne die Natur, von der wir uns distanziert haben, müssen wir in der Liebe Schiffbruch erleiden ohne ein gutes Maß, wenn wir es uns nicht selber zu geben vermögen. Wie sollen wir zugleich vereinzelt und bezogen sein? Das richtige Maß der Gegensätze ist dann gefunden, wenn ihr Widerspruch in einem neuen Durchbruch zu einer schöpferischen Fantasie wird, der man den Charakter einer Lösung nicht mehr ansieht, sondern die selbst wieder eine schöne Komplikation wird. Das richtige Maß lässt sich also gerade nicht messen. Maß legt immer Handeln zugrunde, mit der größtmöglichen Lebendigkeit als Richtschnur. Damit wird die Tragik der Existenz zu einem zentralen Bestandteil, ohne sich zum Richter über zerstörerische Elemente aufzuschwingen. Das richtige Maß kommt daher nicht ohne die Poesie der sinnlichen Berührung in Glück und Pein aus. Und allein an dem Funken, durch den es mit Lebendigkeit ansteckt, ist es zu erkennen.

Für das eigene Leben müssen wir unsere Antwort finden. Was wir brauchen ist Risikobereitschaft, im Sinne einer Offenheit, die sich immer wieder der Furcht stellt. Offenheit heißt, die Lücken und Risse hinzunehmen, die eigenen und die der Welt, ohne sie anzuklagen. Neugier auf das, was werden mag. Akzeptanz dafür, dass die Welt ein Terrain der Verwandlung ist und es keine Transformation gibt, die nicht auch schmerzt. Dieser Schmerz gehört zur Wirklichkeit. Jede Erfahrung ist eine Verwundung durch die Wirklichkeit - aber unweigerlich auch eine Verwandlung durch die Wirklichkeit. Und umgekehrt verwandelt sie die Wirklichkeit in etwas ganz und gar Eigenes.

Vielleicht geht es auch darum, die Selbstlosigkeit im Handeln als ein zentrales Prinzip der Lebendigkeit zu verstehen. Erst wenn wir erfassen, dass Schenken Leben spendet, und dass jenes Glück "ins eigene Herz zurückkehrt", können wir das Geben auskosten, ohne um die eigene Substanz zu fürchten. Denn diese Substanz gibt es nicht. Es gibt nur Verwandlung von Substanz in eine jeweils neue Form des gegenseitigen Erfassens, die schöpferische Fantasie der eigenen Zukünftigkeit. Oder wie Marshall Rosenberg es ausdrückt: "Wir sind gemacht, um das Geben zu genießen".

Streichle ich deine Haut, so spüre ich die Oberfläche, an der du beginnst und mit der du dich mir - mit leichtem Erschaudern, mit unwillkürlichem Näherrücken oder vorsichtigem Rückzug - mitteilst. Ich muss ein konkretes Gegenüber meine Grenze berühren lassen. Die Berührung meiner Haut signalisiert mir die Berührung deiner Haut. Nur indem ich mich spüre, kann ich dich spüren. Ich bin bereits ein lebendiges Wesen mit einem Körper, bevor ich dich berürhe. Aber ich bin mir dieses Körpers in einem viel intensiveren Maße bewusst, indem ich ihn von deinem Körper berühren lasse.

Erotik erlaubt keine Flucht aus der Welt, sondern dringt tiefer in sie ein. Erotik ist die Poesie des Körpers, sagt Octavio Paz. Erotik ist der Rausch der Lebendigkeit, in dem man begreift, dass ihr Raum nicht der des Stoffliche allein ist, sondern ein Ort der Verwandlung und Imagination. Die Erotik ist der spürbare Umschlagpunkt, der Moment, an dem der Körper ganz Seele ist.

Der Körper, in seiner strahlenden Spannkraft und Beweglichkeit, bringt immer auch die Schwere des Irdischen, einen Hauch von Unvollkommenheit und Hinfälligkeit. Sich in seiner verletzbaren Körperlichkeit zu zeigen heißt gerade das: akzeptieren; sich akzeptieren; den anderen akzeptieren; sich ganz zeigen, in aller Unvollständigkeit; der Scham die Stirn bieten; den Mut auskosten, die Scham zu verlachen; dem anderen die Möglichkeit schenken, einen ganz zu sehen, ganz zu berühren; selbst in diesem Geschenk, sich seine eigene Sichtbarkeit zu schenken.

Oft wird diese Nacktheit missverstanden. Die in ihr enthaltene Hingabe hat aber nichts Passives. Sie ist ein Geschenk, die zu einer Antwort verführt. Wenn in der Liebeserfahrung das Gegenüber in seinem höchsten Glück gerade das tiefste Begehren ist, dann wird Liebe zu einem grundsätzlichen Aspekt des Lebendigseins. Und die Antwort besteht darin, ebenfalls Leben zu schenken, die Verletzlichkeit durch die Gabe der eigenen Nacktheit zu würdigen. Und in der unausweichlichen Konsequenz des Lebens folgt dann aus diesem Akt existentieller Symbolik manchmal eine tatsächliche Empfängnis und später eine reale Geburt.

Diese Praxis des Liebens heißt, stets zu akzeptieren, was ist, und es sogar zu wünschen, heißt Geheiltwerden im Akzeptiertsein, und natürlich ist das Akzeptieren auch Schmerz, und doch ist der Schmerz so klein gegenüber der Geburt, die er begleitet, oder vielmehr: Er ist vielleicht immens und unendlich, aber ihn wiegt doch auf, dass das, dessen andere Seite er bildet, Geburt ist, Geburt aus dem Gewünschtwerden, und es ist gut, selbst wenn es die winzigste nur denkbare Geburt gegen all den Schmerz der Welt ist, in der aber das Geborene gewollt und gewünscht wird und geliebt, mit Augen, die sprechen: sei.

Octavio Paz schreibt: "Die Liebe besiegt nicht den Tod, sie ist nur eine Wette gegen die Zeit und ihre Unglücksfälle. Durch die Liebe erhaschen wir in diesem Leben einen Blick auf das andere Leben. Aber nicht auf das ewige Leben, sondern auf die reine Lebendigkeit. Die Zeit der Liebe ist nicht groß, und sie ist nicht klein: Sie ermöglicht die Wahrnehmung aller Zeiten in einem einzigen Augenblick. Sie befreit uns nicht vom Tod, sondern lässt uns diesen in aller Klarheit erblicken. In der Liebe kehren wir nicht zu den Wassern des Anfangs zurück, sondern erkämpfen uns einen Zustand, der uns mit dem Exil vom Paradies versöhnt".



Wer ein Kind mit dem Gefühl freundlicher Zustimmung anblickt, ist die Gestalt der Liebe, in körperlicher Form. Der freudige Blick regt im Kind den Wunsch an, ebenfalls diese freundliche Zustimmung zu schenken: Es lächelt zurück. Der Säugling ist dazu in der Lage, weil er selbst diese Verbindung zwischen außen und innen - ist. Indem der Säugling außen das Lächeln imitiert, erlebt er innen das mit dem Lächeln einhergehende Gefühl der Freude und Sympathie und er begreift, wie sich der andere Mensch fühlt. Das ist der Funke, der die Welt selbst lebendig hält und uns aus allem, was lebendig ist und lebendig macht, entgegenfunkelt: der uralte, in kindlicher Anmurt frisch geborene Drang, selbst zu sein, Ausdruck zu sein und das ganze durch die eigenen Adern pulsieren zu fühlen. Das ist es, was ein Wesen zuallererst spürt, wenn es auf dieser Welt des schöpferischen Drängens und des immer bevorstehenden Endes die Augen aufschlägt. Die Anziehung des lebendigen Verbundenseins ist der Lebensimpuls, der jedes Herz rascher schlagen lässt.

Ein Säugling weiß, dass er ein eigenständiges Ich ist, mit einem eigenen, abgesonderten Körper - und zugleich muss er üben, voll und ganz dieses Ich zu sein. Es ist das paradoxe "werde, der du bist" des griechischen Philosophen Pindar, das alle lebendige Entfaltung so tief kennzeichnet. Das faszinierende Anschwellen der eigenen Identität im Austausch mit der Welt wahrzunehmen und zu entfalten ist die Beschäftigung des Menschen in den ersten Lebensjahren - und zugleich der Traum einer gelungenen Partnerschaft unter Erwachsenen.

Ein Kind darin zu bestärken, sich die Welt zu erschließen, funktioniert freilich nur, wenn die Bezugspersonen ihre Gefühle ausdrücken können. Ein Gegenüber, das zwar lächelt, aber dabei keine Freude fühlt, zerbricht die innige Korrespondenz von innen und außen. Auch wenn die Bezugsperson Emotionen nicht zeigt, wird ein Kind die Verbindung zwischen außen und innen verlernen, und seine eigenen Affekte werden ihm ein Rätsel werden. Denn lieben könnte heißen, der Verbundnheit von innen und außen zu vertrauen, im Glück und im Schmerz. Jedoch kaum geboren, werden die meisten jungen Menschen unserem Drang zur Entfernung von Widersprüchlichkeiten unterworfen. Unsere Kinder mutieren zu Erfolgsprojekten. Unsere Erziehung soll sie möglichst gegen jedes Missgeschick wappnen. Kinder sollen gleichsam symbolische Unsterblichkeit erreichen, indem sie Fertigkeiten, Durchsetzungsstärke und Leistungswillen erwerben.

Die Schweizer Kindheitsforscherin Alice Miller gelangt zu der Einsicht, dass das Schicksal vieler Menschen darin besteht, in der Kindheit ihre Lebendigkeit verloren zu haben. Ihnen wurde das sichere Wissen ausgetrieben, dass die eigenen Impulse in Korrespondenz mit einer schöpferischen Welt stehen und zutiefst richtig sind. So sind sie als Erwachsene nicht mehr in der Lage, diesen Impulsen entsprechend zu handeln. Lebendigkeit heißt, mit den Möglichkeiten zu spielen, weil man weiß, dass man genügt, weil man ein individueller Teil des kreativen Kosmos ist. Genau damit, mit diesem Vertrauen, schlägt ein kleines Kind die Erwachsenen in seiner Umgebung in Bann. Und dieses Vertreuen lässt ein Kind sich so leicht aus der Hand nehmen.

Haben auch wir, die wir heute Eltern werden oder sind, uns dieses Vertrauen schon ganz früh aus der Hand nehmen lassen? Sollten wir zuerst einmal selbst wieder lebendig werden, für uns selbst, und für unsere Kinder? Hieße das, einmal das Sterben durchzumachen, das man seit der Kindheit so fürchtet, weil es als beständige Drohung, die eigene Lebendigkeit zu vernichten, immer mit am Abendbrottisch saß? Dabei gilt es, mit dem eigenen Leib zu erfassen, dass gerade das Sterben, das uns die Lebendigkeit zurückbringt, jener Teil des Lebens ist, den man so lange gesucht hat. Erst nachdem wir für unser ureigenes Anliegen durch den Tod gegangen sind, wird dieses Anliegen wirklich legitim. Nur dann schenkt es uns die Identität, die wir suchen.

Ebendieses mutige Sterben sollte ein Kind bereits von seinen Eletrn lernen. Situationen, in denen die Regeln des Lebens erfordern, dass man sich ihnen stellt, und zugleich ein anderer mit liebendem Blick des Vertrauens vermittelt: Diese Situation ist überlebbar. Nicht behüten. Stattdessen dableiben im Schmerz und in der Trauer. Die Eltern lassen das Kind sein Scheitern erfahren, und sie machen es zugleich lebendig, weil sie vertrauen und dem Kind als einem nur sich selbst verantwortlichen Zweck Sein spenden.

Anstoß erregen natürlich die Kinder. Kinder, die wilden, die naiven, die unangepassten, die ohne Hintergedanken aggressiven, die hemmungslos großzügigen. Kinder, die immer wieder hinfallen und aufstehen: Sie sind in einer Kultur, die das Scheitern als Vorboten der Sterblichkeit um jeden Preis zu unetrdrücken sucht, eine Gefahr.

Erfährt ein Kind seine körperlichen und seelischen Bedürfnisse als unwillkommen, geht es ihm wie einer Geisel, einem Entführten - also wie jemandem, der die Erfahrung macht, dass seine Wünsche nach Entkommen und Freiheit zu lebensbedrohlichen Situatuionen führen. Ein Mensch in einer solchen Situation lernt, die entsprechenden Gefühle aus seinem Bewusstsein zu eliminieren. Er nimmt nur gut oder nur böse wahr, ein schwarz-weiß-Denken, das die Überlebensfähigkeit gewährleistet, jedoch Lebensfähigkeit zerstört. Das Vertrauen, jene Widersprüche auszuhalten, die in einer Beziehung notwendig auftauchen, ist zerrüttet: Jede Schwankung fühlt sich an wie Todesgefahr.

Lebendigsein bedeutet, alles fühlen zu dürfen und dabei nichts als unerwünscht aussortieren zu müssen. Lebendigkeit heißt, ganz, in allen Existenzdimensionen, wirklich sein zu dürfen, es zumindest fühlen zu dürfen, auch wenn so manches wieder sterben muss, bevor es Realität wird. Aber gerade das wird durch die Verletzungen der kindlichen Jahre verhindert. Sie zerstören Lebendigkeit - und sind damit das Echo unserer Welt, der es vor allem an einem Verständnis von Lebendigkeit mangelt - und am Mut, sich zu dieser zu bekennen.

Jedem Wesen bringt all das, wodurch es seine Natur erfährt und diese zum Ausdruck bringen kann, Spaß. Spielen ist die Vergegenwärtigung des Am-Leben-Seins, ist plastisches arbeiten mit dem Rohstoff, den der Dichter Octavio Paz als den innersten Kern unserer Erfahrung bezeichnet. Im Spielen dichten Kinder ihre Welt. Das Interessante daran: alles, was sie dazu brauchen, bringen sie bereits mit. Kinder üben nicht ihre Menschlichkeit, indem sie spielen, sondern sie drücken diese aus, und erfahren sie so zuerst - indem sie eine Identität aufbauen. Dieser Aufbau ist wiederum durch und durch ein Austausch in Bezogenheit. Spielen heißt also, lebensfördernde Beziehungen zu erfinden - und genauso lebensschädigende, denen man sich ebenfalls im Spiel zu entziehen lernt.

Spielende Kinder suchen Themen, Orte und Methoden, mit denen sie einerseits Altbekanntes ausprobieren können, andererseits das Unbekannte riskieren müssen. Sie dehnen die Suchgänge aus, klettern höher, suchen beständig Ränder und Verwandlungszonen. Kinder sind selbst die Essenz des Lebendigen. Es drängt sie, im unbestimmten Bereich zwischen Risiko und Vertrautem ziellos schöpferisch zu sein. Spielen enthüllt sich so als eine Praxis der Liebe zur Welt. Jenes Kostbare, das wir am Anfang schon haben, ist unsere Liebe zur Welt. Im Spiel liebt das Kind die Welt, indem es sie bewundernd und fasziniert nachstellt. Und es liebt sich selbst in dieser Welt, indem es seine Freude auskostet und sich begeistern lässt. Der kindlichen Fähigkeit zu spielen haftet dadurch eine kosmische Genialität an: Das spielende Kind setzt sich selbst an die Stelle der universellen Kraft, die beständig neue Bindungen schafft, bestehende variiert und so dem Ganzen dazu verhilft, sich tiefer zum Ausdruck zu bringen und zu erfahren.

Es geht also darum, Kindern die Freude an diesem Wissen zu lassen und ihre ganz individuelle Art zu fördern, wie sie dieses Wissen mit der Welt in Beziehung setzen können. Die Kinder brauchen dazu nur noch ein paar Elemente unserer kulturellen Codes: Schriftsprache, mathematische Konventionen, technische Fertigkeiten.

Und so ist es: Das Lachen des Säuglings, der vor Freude kräht (und nicht über einen gelungenen Scherz), zeichnet die Nulllinie des Glücks. Diese Linie ist der ewige Geburtshorizont einer Kindheit der Welt. Lachen ist das Glück, dass es doch immer geht und dass es schön ist. Es ist das Glück der Erfahrung, dass das Schöne von selbst die Kraft hat zu sein. Dass es sich durchsetzt. dass es trägt. Dass es mich begrüßt. Dass es mich erkennt. Dass ich es wieder erkenne. Lebendigkeit, die Begegnung mit einem Du, es ist, wie Marshall Rodenberg einmal beschrieben hat, wie ein Kind sich fühlt, wenn es eine hungrige Ente füttert. Ein Spiel, das beide Seiten glücklich macht, weil es aus nichts anderem besteht als dem Tausch von Geschenken.




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